20. September 2026

DIE SCHÖNSTE FAUST IST EINE, DIE SICH ÖFFNET

Heute ist Wahl hier in Berlin. Und ab morgen werden sie wieder abmontiert, die riesigen Wahlplakate, die wie Theaterkulissen auf den Grünflächen zwischen den Straßenseiten aufgebaut waren. Eines dieser Riesendinger, das CDU Plakat von Stefan Evers, hat mir seinen Wahlslogan jedes Mal entgegengerufen, wenn ich mit meinem Rad an der Ampel direkt davor gewartet habe: „Goethes Faust statt linker Haken“. Und jedes Mal hab‘ ich dann zurückgerufen: „Und Reimanns Linkerhand statt Goethes Faust.“ 

Das wär’s doch: Franziska Linkerhand als Schullektüre. Brigitte Reimanns spektakulärer Roman, zu DDR Zeiten postum und fragmentarisch erschienen, 1998 endlich in ungekürzter Fassung. Die Perspektive von Franziska, die den Sozialismus als Utopie bejaht, aber an der repressiven Bürokratie des DDR-Alltags verzweifelt. Faszinierend die kritische Radikalität des Romans, die melodische Sprache, die inneren Monologe und schnellen Perspektivwechsel. Linkerhand statt Faust: das wäre selbstbestimmte Frau statt passive Gretchenrolle. Nahbare Lebensrealität statt historische Metaphysik. Moderne subjektive Prosa statt klassisches Versdrama. Und das wäre endlich ein stärkeres Einbinden ostdeutscher Literaturgeschichte.  Aber das allerbeste wäre, Frau Franziska und Herrn Faust gemeinsam lesen und anschließend diskutieren über den existentiellen Konflikt zwischen dem großen, idealistischen Anspruch eines Individuums einerseits und der ernüchternden einengenden Realität andererseits. Und das bringt mich wieder zur heutigen Wahl hier in Berlin.

P.S.: Auf dem Foto seht ihr übrigens Goethes Faust vom Goethedenkmal im Berliner Tiergarten. Schön ist sie, diese Faust, denn sie hat sich geöffnet. Und das aus einem der schönsten denkbaren Gründe überhaupt: sie hält eine Schriftrolle als Symbol für schöpferisches Wirken. Denn das hilft gegen geballte Fäuste.

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