UND WIR? ACH WIR…
Heute beginnt offiziell die Berlinale, es liegen bereits einige ausgedruckte Tickets griffbereit neben mir und ab morgen tauche ich ein. Aber meine Vorfreude hat soeben einen schwarzen Schleier bekommen: Cees Nooteboom ist gestorben. Dieser niederländische Autor begleitet mich seit Jahrzehnten und er hatte immer ein Buch für mich bereit:

ganz egal, was mich gerade beschäftigt hat, wohin ich gereist oder wohin ich umgezogen bin: er war immer schon da. So auch in Berlin, das „immer eine Heimstatt“ für ihn gewesen war, wo er lange Zeit gelebt, den Mauerfall beobachtet, sein Tagebuch einer Rückkehr geschrieben und diese Stadt als Ort für seinen fulminanten Roman Allerseelen gewählt hat, in welchem sich der Protagonist Arthur Daane wie ein Flaneur durch das winterliche Berlin bewegt. Dieser Roman fällt mir vermutlich auch deshalb gerade ein, weil er geprägt ist von Melancholie und Vergänglichkeit. Ich erinnere mich an das zarte Vergänglichkeitsbild von den „Fußstapfen im Schnee“. Und ich erinnere mich an eine zweite Erzählebene, eine Art übermenschlicher Chor, etwas „Himmel über Berlin“mäßiges… und bin schon wieder beim Film gelandet.
Ich nehme an, dass Nooteboom mehr als einmal die Berlinale besucht hat und wenn auch nur, um zu beobachten, zu sehen. Ich recherchiere nach Belegen und finde etwas anderes: der Publizist Roland H. Wiegenstein schreibt über Nootebooms Technik in Allerseelen: „Er montiert Großaufnahmen und Halbtotalen in die Totalen. Ein Kameramann, der statt mit Objektiven und Filmen mit Worten arbeitet.“ Sicher werde ich in den kommenden Kinosesseln oft an dieses Zitat denken. Aber jetzt ziehe ich erst einmal mein Exemplar aus einem hochgestapelten Bücherturm, blättere und skippe zur letzten Seite. Da sind sie, drei kleine Muster, die aussehen wie zarte Abdrücke im Schnee. Und dann die allerletzte Zeile, der Chor, der den Schlussakkord setzt mit den Worten: „Und wir? Ach wir…“
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