11. Oktober 2013

SENSATION: SHORT STORIES ALS LITERATUR ANERKANNT

Noch nie habe ich mich über die Bekanntgabe des Literaturnobelpreises so gefreut wie gestern: Alice Munro hat ihn bekommen. ENDLICH!

Um ehrlich zu sein, ich hätte es nicht geglaubt. Denn wer so oft als Anwärterin gehandelt wird, erhält ihn meist nie.

Unabhängig davon, dass ich eine große Bewunderin ihrer short stories bin, finde ich es einfach großartig, dass mit diesem Preis auch die Gattung der Kurzgeschichte geehrt wird, denn es gibt nach wie vor Menschen, die Romanautor*innen per se mehr wertschätzen als Autor*innen von Kurzgeschichten und die der Ansicht sind, wahre Meisterschaft zeige sich erst in der so genannten „großen Form“.

Kurzgeschichten, die im Fall von Munro übrigens oftmals auch als Novellen oder Erzählungen bezeichnet werden. Short Fiction ist der aktuellste Begriff dafür. Aber was sind schon Begriffe, Bezeichnungen und Namen? Schall und Rauch!

Mal ganz davon abgesehen, dass man – hat man eine ihrer Geschichten zu Ende gelesen – oftmals im Gefühl schwelgt, die erzählerische Dichte und psychologische Fülle eines dicken Romans genossen zu haben. Aber was bitte schön sagt die Seitenzahl einer Geschichte über deren Qualität aus? Eben!

Es ist schlicht und ergreifend erstaunlich, wie tief und differenziert Munro in Ihre Figuren und deren Beziehungsgeflechte eintaucht und uns bei diesen Tauchgängen mitnimmt, die im scheinbar harmlosen Alltag beginnen und in – oftmals nur angedeuteten – Abgründen enden.

Die ersten Reaktionen auf die Nobelpreisvergabe sind ausschließlich positiv. Denis Scheck beispielsweise rühmt Munro als eine Autorin, die die Kurzgeschichte ins 21. Jahrhundert gerettet habe. Und der Pressesprecher des S. Fischer Verlags, in dem die meisten ihrer Bücher erschienen sind, bezeichnet Munros Stil als „Streichquartett des Gefühls“, was für mich allerdings allzu harmonisch wirkt. Was meinen Sie?

Und überhaupt: kennen Sie Munros Geschichten und haben Sie vielleicht einen Lieblingsband?

Nächstes Frühjahr wird „Liebes Leben“ mit 14 Erzählungen als Hardcover erscheinen. Bis dahin kann man beispielsweise im „Tanz der seligen Geister“ lesen, einer frühen Sammlung, die überdurchschnittlich oft als Einstiegslektüre empfohlen wird, wie beispielsweise gestern von der Literaturkritierin Gundhild Kübler.

Ich bin in diesen Tagen unterwegs und habe entsprechend keinen Zugriff auf meine eigene Bibliothek, aber an dem Ort, an dem ich gerade übernachte, befinden sich die tanzenden Geister, die ich gestern gleich aus dem Regal gezogen und an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen habe:

„Das nächste Geschenk war eine Teekanne.“ stand da auf Seite 117. Und ich stellte mir vor, welche Glückwunsch-Geschenke Munro wohl erhalten wird – mal ganz abgesehen von den rund 900.000 Euro Preisgeld.

Ich gönne ihr das von Herzen und trinke jetzt gleich den Rest des Crémant, den ich gestern zur Feier dieser wunderbaren Nachricht gekauft habe. Tee kommt heute nicht infrage!

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