14. Oktober 2016

THE TIMES THEY ARE A-CHANGIN

img_4999Bob Dylan hat den Literaturnobelpreis erhalten.

Bob Dylan den Literaturnobelpreis? Ja!

Und zwar für seine „poetischen Neuschaffungen in der großen amerikanischen Gesangstradition.“

Leonard Cohen hat Dylan den ’Picasso of Song’ genannt. Seine Songs seien die ersten gewesen, die – Zitat – „literarisches Niveau“ in die Popmusik gebracht hätten. Und Bruce Springsteen war überzeugt: Elvis Presley habe dem Rock einen Körper geschenkt, und Bob Dylan ein Gehirn.

Letztes Wochenende ist mir Elvis begegnet. In Form eines Feuerzeugs. In der Sakristei der Kirche Christi Auferstehung in Köln. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich in einer Sakristei und zwar im Rahmen der Performance Bodyrealities der mixed-abled Tanzcompany Din A 13. Und ich war vollkommen fasziniert: von den liturgischen Gewändern, die an der Schrankwand hingen, von den gestapelten Riesenvorräten an Kerzen, von der halbvollen Messwein-Flasche Briedeler Herzchen (ein Riesling Trocken), die ganz unheilig auf dem Waschbeckenrand stand. Und nicht zuletzt vom kleinen ovalen Tablett, auf welchem zwei gläserne Mini-Weinkaraffen standen und dieses Elvis-Feuerzeug lag.

Elvis Presley in der Sakristei?

Ja!

Elvis war offensichtlich gläubig, ging oft zu Gottesdiensten und liebte Gospels.

Und hier in der Sakristei lag er sogar an passender Stelle. Denn direkt hinter dem kleinen Tablett waren die Gesangsbücher ’Erdentöne-Himmelsklang’ aufgereiht, in denen das Lied Nr. 210 (ich hab natürlich drin geblättert) „Rock my soul“ heißt und genau diesen Song hat auch Elvis gesungen, nur dass der Titel Bosom of Abraham hieß.

 

Auch Bob Dylan hat immer wieder Bibelzitate genutzt. So rief er beispielsweise mit „The Times They Are A-Changin’“ in biblischer Sprache zum Generationenwechsel auf.

Ja! Die Zeiten ändern sich. Songwriter können den Nobelpreis erhalten. Auch wenn das vielen LiteraturkritikerInnen nicht gefällt. Denis Scheck beispielsweise. Ihm würde Dylan vielleicht antworten:

Come writers and critics, who prophesize with your pen.

And keep your eyes wide, the chance won’t come again.

Sie können sich vorstellen, dass auch Nobelpreis-Akademie-Chefin Sara Danius jetzt mit Vorwürfen konfrontiert ist, dass Songtexte ja keine Literatur seien und dass man mit der diesjährigen Auszeichnung unzulässigerweise die Definition von Literatur ausgeweitet habe. Sie antwortet mit dem klugen Statement, Dylan schreibe, um mit seinen Werken aufzutreten. Nichts Anderes habe der Dichter Homer vor einigen Jahrtausenden auch getan.

Und was meint Homer?

Bleibe gelassen mein Herz! Schon größere Frechheit ertrugest du.

Ich freue mich übrigens außerordentlich über diese mutige, freche, genre-übergreifende Entscheidung. Sie ebenfalls?

zurück